Die Stadt Leipzig legt zum ersten Mal einen Schulentwicklungsbericht vor. Der Bericht stellt die Situation in den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen der Stadt Leipzig im laufenden Schuljahr 2010/11 dar. Er bietet eine aktuelle und vertiefende Darstellung zu Schülerzahlentwicklungen in den einzelnen Schularten und zu Bildungsverläufen und -ergebnissen. „Der Schulentwicklungsbericht bietet eine neue Qualität der Bildungsberichterstattung in Leipzig“, erläutert Thomas Fabian. „Er ermöglicht es, Entwicklungen im Schulwesen standortkonkret zu verfolgen und damit Planungen noch weiter zu verbessern.“
Der Schulentwicklungsbericht wurde im Rahmen des Programms „Lernen vor Ort“ durch das Aktionsfeld Bildungsmonitoring erarbeitet. Er erscheint künftig jährlich und wird sowohl in gedruckter Form als auch als Internet-Variante veröffentlicht.
Wichtige Aussagen
Steigende Schülerzahlen erfordern Ausbau des Schulnetzes
Im Schuljahr 2010/11 besuchten 59.775 junge Menschen eine allgemeinbildende oder berufsbildende Schule in Leipzig, davon 36.655 die allgemeinbildenden Schulen und 22.299 berufsbildende Schulen. Nach den Schülerrückgängen der vergangenen zwei Dekaden ist seit dem Schuljahr 2009/10 wieder ein deutlicher Anstieg der Schülerzahlen im allgemeinbildenden Bereich zu verzeichnen. Dieser Prozess begann im Schuljahr 2005/06 in der Primarstufe (Klassen 1 bis 4) und setzte sich im Schuljahr 2009/10 in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) fort. Einzig die Sekundarstufe II ist noch von den Folgen des demografischen Rückgangs der 1990er Jahre betroffen. Perspektivisch wird der Anstieg der Schülerzahlen erhebliche Auswirkungen auf das Schulnetz im Bereich der allgemeinbildenden Schulen haben, worauf die Stadt Leipzig mit der Schulentwicklungsplanung 2011 reagiert.
Schulen in freier Trägerschaft spielen eine wichtige Rolle in der Leipziger Bildungslandschaft
Die Anzahl von Schulen in freier oder Landesträgerschaft ist seit der ersten Gründung im Schuljahr 1990/91 stetig angestiegen. Im Schuljahr 2010/11 gab es in Leipzig 26 allgemeinbildende und 28 berufsbildende Bildungseinrichtungen in freier Trägerschaft bzw. in Trägerschaft des Freistaates Sachsen. Betrachtet man die Schülerzahlen, haben freie Träger im Bereich der berufsbildenden Schulen den höchsten Anteil (36,2 Prozent), doch auch bei den allgemeinbildenden Schulen erreichen sie Anteile zwischen 10,8 und 18,2 Prozent der Gesamtschülerzahl je Schulart. Sie sorgen damit für inhaltliche Vielfalt der Schulangebote und spielen darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Bedarfsdeckung.
In Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf hat mehr als jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund
Im Schuljahr 2010/11 hatten an Leipzigs allgemeinbildenden Schulen 3.906 Schüler einen Migrationshintergrund, das entspricht einem Anteil von 10,8 Prozent. Ihr Anteil variierte stark zwischen einzelnen Schulen, entsprechend dem Migrantenanteil der Wohnbevölkerung im jeweiligen Einzugsgebiet. Am deutlichsten zeigt sich dies bei Grund- und Mittelschulen. In den Ortsteilen Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf hat teils jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund. Dies stellt die Schulen vor eine besondere Integrationsaufgabe. Dass diese Aufgabe teilweise sehr gut gelingt, zeigen die im überregionalen Vergleich hohen Anteile von Gymnasiasten und die geringe Förderquote unter Schülern mit Migrationshintergrund: Im Schuljahr 2010/11 besuchten 50,8 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund die Mittelschule, 45,2 Prozent das Gymnasium und 4,0 Prozent die Förderschule. Hingegen besuchten die Siebtklässler ohne Migrationshintergrund mehrheitlich (51,6 Prozent) das Gymnasium, 39,6 Prozent die Mittelschule und 8,9 Prozent die Förderschule.
Steigender Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und veränderte Diagnosen Im Schuljahr 2010/11 gab es insgesamt 3.545 Schüler mit Behinderungen an allgemeinbildenden Schulen in Leipzig. Da sich ihre Anzahl in den vergangenen Jahren trotz des allgemeinen Schülerrückgang kaum veränderte, stieg der relative Anteil an der Gesamtschülerzahl von 5,2 Prozent im Schuljahr 1995/96 auf 9,7 Prozent im Schuljahr 2010/11.
Unter den Behinderungsarten machen geistige und physische Behinderungen weniger als ein Drittel aller Behinderungsarten aus. Der Großteil der diagnostizierten Förderbedarfe liegt im Bereich der Lernförderung, der sozialen und emotionalen Behinderungen sowie der Sprachförderung. Dabei hat sich in den vergangenen Jahren eine Verlagerung der Diagnosen vom Lernförderbedarf hin zu den Förderschwerpunkten emotionale/soziale Entwicklung und Sprachförderung ergeben.
Rückstellung vom Schulbesuch mit geringer Wirksamkeit
Im Schuljahr 2010/11 wurden 4.076 Kinder in allgemeinbildende Schulen eingeschult, davon 3.887 in allgemeinbildende Grundschulen und 189 in Förderschulen. Insgesamt wurden 93,7 Prozent der Erstklässler regulär eingeschult, 5,8 Prozent nach Rückstellung und 0,5 Prozent vorzeitig. Im gleichen Schuljahr wurden 225 schulpflichtig gewordene Kinder nicht eingeschult. Vertiefende Analysen zeigen, dass ein erheblicher Anteil der zuvor zurückgestellten Kinder anschließend in Förderschulen eingeschult werden: Im Schuljahr 2010/11 waren dies über ein Drittel der nach Rückstellung eingeschulten Kinder. Bezogen auf die Schulanfänger an Förderschulen betrug der Anteil der nach Rückstellung Eingeschulten 43,4 Prozent, bei den Grundschulen nur 4,0 Prozent. Der Aufschub des Schulanfangs um ein Jahr reicht offensichtlich vielfach nicht aus, um entsprechende Entwicklungsverzögerungen aufzuholen.
Veränderte Bildungsempfehlung führt zu Rückgang der gymnasialen Empfehlung – mit erheblicher sozialräumlicher Streuung
Im Schuljahr 2010/11 wurde an 2.927 Viertklässler an Grundschulen in öffentlicher Trägerschaft eine Bildungsempfehlung erteilt: 1.545 oder 52,8 Prozent erhielten eine Empfehlung für die Mittelschule. 1.382 oder 47,2 Prozent für das Gymnasium. Damit sackte der Anteil gymnasialer Bildungsempfehlungen im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozentpunkte ab, was sicherlich auf die erstmals verschärfte Zugangsvoraussetzung zum Gymnasium im Schuljahr 2010/11 zurückzuführen ist. Zwischen den Schuljahren 2005/06 und 2009/10 lag der Anteil gymnasialer Bildungsempfehlungen stets bei über 54 Prozent, mit einem Maximum von 59,9 Prozent im Schuljahr 2008/09.
Die Anteile gymnasialer Bildungsempfehlungen schwankten zwischen den einzelnen Schulstandorten zwischen 19,6 Prozent und 76,1 Prozent. Unterdurchschnittliche Werte zeigen vor allem Schulen, in deren Einzugsgebiet hohe Anteile an Bevölkerung mit sozialen Problemlagen leben.
Demografische Schwankungen wirken sich auf Zusammensetzung der Schulabgänger aus
Zum Ende des Schuljahres 2009/10 verließen 2.705 Schüler die allgemeinbildenden Schulen Leipzigs, die meisten beendeten eine Mittelschule (1.400). Am häufigsten wurde der Realschulabschluss erreicht (42,8 Prozent), die Abiturprüfung absolvierten 33,5 Prozent aller Absolventen; ein knappes Zehntel (9,6 Prozent) erreichte einen Hauptschulabschluss, 14,1 Prozent blieben ohne Abschluss, vornehmlich an Förderschulen (87,5 Prozent aller Abgänger) und Mittelschulen (11,1 Prozent aller Abgänger). Die negativen Veränderungen im Vergleich zum Vorjahr (Anstieg der Schulabbrecherquote, Absinken der Abiturquote) ist vor allem auf demografische Schwankungen zurückzuführen. So ergibt die geringfügige Zunahme von fünf Schulabbrechern zwischen 2009 und 2010 eine Zunahme der Schulabbrecherquote von 10,8 auf 14,1 Prozent.
Bildungsgefälle zwischen den Geschlechtern
Bildungsbeteiligungen und Bildungserfolge sind stark geschlechtsspezifisch. Jungen werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt, besuchen häufiger Förderschulen, erhalten seltener eine gymnasiale Bildungsempfehlung, absolvieren seltener das Gymnasium und verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss.
Starker Rückgang der Berufsschüler – demografischer Wandel erleichtert Ausbildungseintritt für schwächere Schüler
Im Schuljahr 2010/11 wurden 22.299 Jugendliche und junge Erwachsene in berufsbildenden Schulen in Leipzig ausgebildet, vorwiegend im Rahmen einer dualen Ausbildung an Berufsschulen. Diese Schulart ist am stärksten vom Schülerrückgang betroffen, zwischen den Schuljahren 2009/10 und 2010/11 nahm die Schülerzahl um 1.381 oder 10,6 Prozent ab. Stärker als die Gesamtschülerzahl sank die Zahl und der Anteil an Schülern in so genannten Berufsvorbereitungsmaßnahmen, was sicherlich auch ein Resultat der allmählichen Entspannung auf dem Ausbildungsstellenmarkt ist.
Steigende Anteile von Schülern mit Migrationshintergrund an berufsbildenden Schulen
Analog zur Bevölkerungsentwicklung stiegen in den vergangenen Jahren die Zahl und die Anteile der Schüler mit Migrationshintergrund an berufsbildenden Schulen, im Schuljahr 2010/11 sind es 590 oder 2,6 Prozent. Im Vergleich zu Schülern ohne Migrationshintergrund befinden sich Schüler mit Migrationshintergrund häufiger in berufsvorbereitenden Maßnahmen, aber seltener in den Schularten Berufsschule und Fachschule. Bemerkenswert ist die hohe Präsenz der Schüler mit Migrationshintergrund in den Schularten Fachoberschule und Berufliches Gymnasium. Sie wählten weitaus häufiger als Schüler ohne Migrationshintergrund die Möglichkeit, innerhalb des berufsbildenden Systems allgemeinbildende Schulabschlüsse zu erzielen bzw. nachzuholen.
Berufsschüler mit Behinderung: Lernbehinderung am häufigsten
Insgesamt 1.285 Schüler mit Behinderung lernten im Schuljahr 2010/11 an berufsbildenden Förderschulen in Leipzig. Darunter waren lernbehinderte Schüler mit zwei Dritteln am häufigsten vertreten. Die Mehrheit der Berufsschüler mit Behinderung wird in einem Ausbildungsberuf ausgebildet, der Anteil jener in berufsvorbereitenden Maßnahmen (BVJ, BGJ, BVM) lag im Betrachtungszeitraum stets bei unter einem Drittel.
Berufliche Schulzentren (BSZ) haben ein überregionales Einzugsgebiet
Als Oberzentrum kommt der Stadt Leipzig insbesondere im Bereich der beruflichen Ausbildung überregionale Bedeutung zu. Die demografische Entwicklung im Regierungsbezirk und der ferneren Umgebung bedingt eine Bündelung einzelner Ausbildungsgänge in Form von Bezirks- und Landsfachklassen bzw. länderübergreifenden Fachklassen am Standort Leipzig. Dementsprechend hoch ist die Zahl der Gastschüler an den Berufsschulzentren in kommunaler Trägerschaft. Im Schuljahr 2009/10 wurden hier insgesamt 6.484 Schüler aus anderen Kreisen ausgebildet. Dies entspricht einem Anteil von 41,9 Prozent an der Gesamtschülerzahl der BSZ.
Die Mehrzahl der Gastschüler kam aus der näheren Umgebung der Stadt: 37,6 Prozent aus dem Landkreis Leipzig, 25,9 Prozent aus dem Landkreis Nordsachsen und 13,2 Prozent aus dem nahen Sachsen-Anhalt. Aus dem übrigen Sachsen stammten 16,4 Prozent, nur ein kleiner Anteil kam aus anderen Bundesländern.
Schulabgänger von Berufsschulen: Insgesamt erfolgreich, aber negative Bildungsbiografien setzen sich fort
Im Schuljahr 2010/11 verließen 8.528 Schüler eine berufsbildende Schule, darunter konnten 88,1 Prozent den gewählten Bildungsgang erfolgreich abschließen. Die höchsten Absolventenquoten verzeichneten die Fachschule und die Berufsfachschule, wo fast alle Schüler (99,2 Prozent bzw. 93,7 Prozent) den Abschluss erreichten. Die Schüler der berufsvorbereitenden Bildungsgänge hatten hingegen erhebliche Probleme, die Anforderungen an ein Abschlusszeugnis zu erfüllen. Am höchsten war die Negativquote im Berufsvorbereitungsjahr mit 53,9 Prozent; im Berufsgrundbildungsjahr erreichten 47,5 Prozent das Bildungsziel nicht. Das heißt, die Mehrheit dieser meist bereits im allgemeinbildenden Bereich gescheiterten Schüler setzten ihre negative Bildungsbiografie im berufsbildenden Bereich fort.
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