|
|
 |
| |
Von der Festungsanlage zur Promenade - Entwicklung, Wandel und Verluste |
|
Wie die meisten größeren Städte war auch Leipzig noch im 18. Jahrhundert von massiven Befestigungsanlagen und einem Stadtgraben umgeben. Doch mit zunehmender Entwicklung der Kriegstechnik verloren diese immer mehr ihre Funktion.
Bereits um 1700 war damit begonnen worden, im Bereich der Stadtbefestigung regelmäßige Alleen um die Stadt anzulegen. Mitte des 18.Jahrhunderts wurde die Stadt nahezu komplett von einer mehrreihigen Allee umschlossen.
Die Leipziger Promenadenanlagen gehen wohl größtenteils auf Planungen des Baudirektors Carl Friedrich Dauthe zurück. Sie sind geprägt durch einen breiten, von Alleebäumen beschatteten äußeren Promenadenweg, der die Innenstadt ringförmig umläuft und angrenzende Parkpartien einschließt. Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763), in dem sich die Befestigungsanlagen überwiegend als nutzlos erwiesen hatten, entledigte sich Leipzig als eine der ersten deutschen Städte seiner einengenden Mauern. |
|
| |
 |
|
|
Johann Sebastian Bach
|
Auf den freiwerdenden Flächen entstanden gärtnerische Anlagen im damals neuen, aus England kommenden landschaftlichen Gartenstil. Charakteristisch für diese Stilrichtung ist eine künstlich geschaffene Natürlichkeit, die sich durch einen Verzicht auf strenge Symmetrie sowie geschwungene Wege, bewegte Uferlinien und freiwachsende Gehölze auszeichnet.
Die erste Promenade entstand um 1725
Die erste Promenade entstand um 1725, als der Rat zwischen Thomas- und Barfußpförtchen den Muhmenplatz anlegen ließ. Der berühmte Thomaskantor Johann Sebastian Bach, der 1723 seinen Dienst in Leipzig antrat, konnte von seiner Wohnung in der Thomasschule, die leider in den 1880er Jahren abgebrochen wurde, diese Arbeiten sicherlich genau verfolgen.
Die eigentliche Geburtsstunde der Promenadenanlagen fällt aber in das Jahr 1784. Unter Leitung des Bürgermeisters Carl Wilhelm Müller (1728-1801) wurde mit dem Abtragen der Schanze vor dem Georgenhaus, heute Ecke Richard-Wagner-Straße/Goethestraße, begonnen. Das nicht mehr benötigte Erdmaterial wurde zum Verfüllen des Stadtgrabens zwischen dem Hallischen und dem Grimmaischen Tor genutzt und auf der so gewonnenen Fläche ein Park im englischen Geschmack angelegt. |
|
| |
 |
|
|
Augustusplatz bei Nacht
|
Mit der Anlage der Promenade begannen die Stadtväter bereits vor 1800, große Plätze vor den Stadttoren zu konzipieren. Diese wurden einerseits nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet, besaßen andererseits aber auch als Messeplätze wirtschaftliche Bedeutung.
Auf Initiative des Bürgermeisters Otto Koch (1810-1876) wurde ab 1857 der bis dahin als Baumschule genutzte Peterszwinger ausgefüllt und das Gelände nach einem Entwurf des Königlich Preußischen Gartendirektors Peter Joseph Lenné (1789-1866) gestaltet. 1859 wurden diese Arbeiten abgeschlossen und die Stadtväter wendeten sich wieder verstärkt der Gestaltung der anderen Abschnitte des Promenadenringes zu. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem Augustusplatz, der ebenfalls nach Entwürfen von Lenné eine Umgestaltung erfuhr. Nach Plänen von Arwed Roßbach erhielt der Universitätskomplex mit der Paulinerkirche eine aufwendig gestaltete Schaufassade. |
|
| |
 |
|
|
Promenadenanlagen am Neuen Rathaus
|
Ab Januar 1901 oblag es dem Königlich Preußischen Gartendirektor Carl Hampel, die Anlagen dem gewachsenen Anspruch der aufstrebenden Stadt anzupassen. Nach seinen Plänen erfolgte 1904/05 die Umgestaltung der Anlagen am Neuen Rathaus, der früheren Pleißenburg, sowie der nördlich angrenzenden Promenade bis zum Alten Theater.
Die Pleißenburg war landesherrlicher Besitz und lange Zeit Militärstützpunkt. Ende des 18. Jahrhunderts beherbergte das Gebäude unter anderem die berühmte Zeichenakademie, an der Adam Friedrich Oeser auch dem Studenten Johann Wolfgang von Goethe Unterricht erteilte. Die zu dieser Zeit hier entstandenen Promenadenanlagen waren relativ bescheiden. Auch litten sie immer wieder unter Zerstörungen durch das Publikum, das die Exerzierübungen und Konzerte des Militärs besuchte. |
|
| |
 |
|
|
Historische Aufnahme der Klingertreppe
|
Die Promenadenanlage im 20. Jahrhundert
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Promenadenanlagen im Abschnitt Goerdelerring/Tröndlinring durch Gartendirektor Hampel neu konzipiert und erweitert. Hampel widmete dabei der Treppe zum Matthäikirchhof besondere Aufmerksamkeit.
Hier sollte dem in Leipzig geborenen Komponisten Richard Wagner ein Denkmal gesetzt werden. Den Entwurf dafür lieferte Max Klinger, der jedoch vor Vollendung der Arbeiten verstarb. Lediglich die Treppenanlage konnte nach Klingers Vorlage ausgeführt werden.
Im unweit davon am Richard-Wagner-Platz gelegenen Haus „Großer Blumberg“ wirkte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Friederike Caroline Neubert, die legendäre „Neuberin“, die gemeinsam mit dem Leipziger Professor Johann Christoph Gottsched das deutsche Theater reformierte. |
|
| |
 |
|
|
Leipziger Hauptbahnhof
|
Eine tiefgreifende Veränderung des Unteren Parks ergab sich ab 1910 mit dem Bau des Hauptbahnhofes. Auch durch die Verbreiterung der Straßen ging immer mehr Promenadenfläche verloren.
Als 1927/28 das Kroch-Hochhaus als erstes Hochhaus in Leipzig gebaut wurde, rief dies zahlreiche Proteste hervor. Heute ist dieses Gebäude, das mit den „Glockenmännern“ an die Gestaltung des Uhrturms am Markusplatz in Venedig erinnert, eines der Leipziger Wahrzeichen.
1942 wurden im Zusammenhang mit der propagierten "Verstärkung der Metallreserve für Rüstungszwecke" auch Denkmale des Promenadenrings, viele Ziergitter sowie sämtliche eiserne Rasen- und Beeteinfassungen eingeschmolzen. Den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg fielen viele den Promenadenring einst prägende Gebäude, wie das Museum, das Neue und das Alte Theater, die Matthäikirche und die Schule auf der Moritzbastei, zum Opfer und wurden nicht wieder aufgebaut. |
|
| |
 |
|
|
Augustusplatz mit Mendebrunnen und Gewandhaus
|
Doch auch nach 1945 mussten die Promenadenanlagen noch manche Verluste erleiden. So verlor beispielsweise der Augustusplatz besonders durch den Abriss des nur teilweise beschädigten Augusteums und der im Krieg unversehrt gebliebenen Paulinerkirche 1968 seine einstige Stellung als einer der schönsten Plätze Deutschlands. Außerdem wurde durch weitere Straßenerweiterungen an vielen Stellen die äußere, das Stadtzentrum bis dahin vollständig umschließende Promenadenallee beseitigt.
Dennoch hat sich ein großer Teil der kulturgeschichtlich wertvollen Substanz des Ringgrüns erhalten, das im Zusammenwirken mit der städtebaulichen Umgebung eine einzigartiges und beeindruckendes Ensemble bildet. |
|
| |
|
 |
 |
|