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Laudator 2009

2009 Laudator Jens Reich

Jens Reich

wird 1939 in Göttingen geboren und wächst in Halberstadt auf. Er studiert Medizin und Molekularbiologie an der Berliner Humboldt-Universität und arbeitet als Assistenzarzt in seiner Heimatstadt, bevor er sich nach einer weiteren Ausbildung im Fach Biochemie der Wissenschaft zuwendet. 1964 promoviert Jens Reich über „Arterielle Gefäßgeräusche“ und ist ab 1968 Mitarbeiter am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch. Forschungsaufenthalte führen ihn unter anderem an das Institut für Biophysik der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Puschtschino bei Moskau. 1976 folgt eine zweite Promotion zum Thema „Zeit und Bewegung im Stoffwechsel der lebenden Zelle“. Jens Reich spezialisiert sich auf dem Gebiet der Computeranwendungen in der Biologie und Medizin, wird 1980 zum Professor für Biomathematik berufen und arbeitet gleichzeitig als Abteilungsleiter am Zentralinstitut für Molekularbiologie.
Doch Jens Reich engagiert sich nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaften. Stets interessieren ihn auch gesellschaftliche Entwicklungen und politische Prozesse. So gehört er ab 1970 dem von ihm mitgegründeten „Freitagskreis“ an, einer Gruppe von zirka dreißig oppositionell gesinnten DDR-Bürgern. Sie treffen in privatem Kreis zusammen, um die „Analyse des verrotteten Systems“ der DDR zu betreiben. In den 1980er Jahren wird dieser Kreis vom Ministerium für Staatssicherheit abgehört, die Treffen werden entsprechend protokolliert. 1984 verliert Jens Reich seinen Leitungsposten, weil er sich weigert, seine Kontakte in die Bundesrepublik abzubrechen und einer der Blockparteien der DDR beizutreten. Als weitere Sanktion seines widerständigen Verhaltens werden ihm Reisen ins westliche Ausland verboten. Das hält Jens Reich jedoch nicht davon ab, unter dem Pseudonym Thomas Asperger in der westdeutschen Zeitschrift „Lettre International“ kritische Analysen des Systems DDR zu publizieren. Im September 1989 ist Jens Reich dann folgerichtig einer der Autoren und Erstunterzeichner des Aufrufs „Aufbruch 89 – Neues Forum“, der in die Gründung des Neuen Forums mündet. Am 4. November 1989 spricht er wie Friedrich Schorlemmer, Christa Wolf, Ulrich Mühe und andere bekannte Persönlichkeiten der DDR auf der größten Demonstration dieser Tage am Alexanderplatz in Berlin. Im März 1990 wird Jens Reich bei der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl der DDR zum Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen gewählt und ist nach der offiziellen Wiedervereinigung 1990 für drei Monate Mitglied des deutschen Bundestages.

Verleihung der Theodor-Heuss-Medaille

1991 erhält Jens Reich mit fünf anderen Bürgerrechtlern stellvertretend für „Die friedlichen Demonstranten des Herbstes 1989 in der damaligen DDR“ die Theodor-Heuss-Medaille.
In seinem Beruf als Molekularbiologe kann Jens Reich nach der Wiedervereinigung wieder als Abteilungsleiter für Biomathematik am Zentralinstitut für Molekularbiologie in Berlin arbeiten. Ab 1992 leitet er die Gruppe „Bioinformatik“ am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch und wirkt 1992/1993 als Gastprofessor am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, wo er am Aufbau von Forschungsprojekten auf dem Gebiet der molekularen Bioinformatik beteiligt ist. Ab 1998 arbeitet Jens Reich schließlich als Professor für Bioinformatik an der medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit bleibt das politische und publizistische Wirken für Jens Reich weiterhin Lebensaufgabe. 1994 wird er von einer unabhängigen Initiative als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen, daraufhin vom Bündnis 90/ Die Grünen auch nominiert, unterliegt jedoch Roman Herzog, dem Kandidaten der CDU, was seinem gesellschaftlichen Engagement keinen Abbruch tut.
Seit 1990 ist Reich Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. 1997 ist er Gründungsmitglied des „Willy-Brandt-Kreises“ in Berlin, ein von Günter Grass und Egon Bahr initiierter Verbund, der sich Fragen des friedlichen Zusammenlebens der Völker und des sozialen und gerechten innerstaatlichen Zusammenlebens widmet. Darüber hinaus ist Jens Reich Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und seit 2001 Mitglied des Nationalen Ethikrates.
Die Schnittstelle von Wissenschaft und Ethik wird auch auf einem von ihm selbst gesprochenen Hörbuch mit dem Titel „Teufelsfragen“ thematisiert, auf dem sich Jens Reich den ethischen Konflikten in der Biomedizin widmet und für eine sachliche Aufklärung darüber plädiert, was in der Forschung Vision und Science Fiction ist. Denn erst dann könne die moralische Bewertung beginnen, und zwar mit der alten Frage: Was tun und was unterlassen?
Eine Frage, die sowohl den Wissenschaftler als auch den Bürgerrechtler Jens Reich immer wieder umtreibt. 2007 erinnert sich Jens Reich in einem Artikel für „Die Welt“ unter der Überschrift „Die Mauer machte uns zu Geiseln des Kalten Krieges“ an den Tag des Mauerbaus und resümiert für die Gegenwart:
„Für die Jüngeren ist jeder Zeitzeugenbericht wie aus einer anderen Welt, wie aus ihrer Vorzeit, als sie noch nicht dabei waren. Sie sehen nicht leicht die langen Schatten dieses kurzen 20. Jahrhunderts, die Bande, die uns noch daran knüpfen und unser Weltwissen und unsere Mentalitäten prägen. Und viele Ältere, die den Ostblock miterlebt haben, von innen oder von außen, wollen vergessen, sich nicht mehr erinnern; oder sie verklären die Vergangenheit zur nostalgischen Jugenderinnerung. Solche Amnesie ist gefährlich. Sie hindert uns am Lernen, verhindert die Warnung vor der Wiederholung historischer Fehler. Die Warnung vor einem überdehnten Imperium ist immer noch aktuell, wenn auch nicht mehr für uns Deutsche (so hoffe ich). Die Warnung vor der Utopie eines Staates, der das Glück seiner Bürger organisieren will, notfalls gegen sie und mit Gewalt, gilt immer noch. Sie wird zu beachten sein, wenn es Ernst wird mit den Herausforderungen, die dieses neue Jahrhundert bringt.“

Die Laudatio (PDF 40 kB) für Karl Schlögel

 
 
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